Das Laufen ist weniger geworden, in den letzten Jahren und ich verbringe mehr Zeit im Sportstudio. Dennoch, Laufen ist und wird eine Leidenschaft bleiben. Eine Möglichkeit fit zu bleiben, gleichzeitig eine innere Balance zu finden, abschalten, Glückshormone tanken und natürlich eine Möglichkeit überschüssige Kalorien, die sich immer hartnäckiger auf den Hüften ablagern wollen, wieder loszuwerden. Der Ehrgeiz, Rekorde brechen zu wollen, ist der Freude und dem Genuss gewichen. Laufen weil es Spass macht, den eigenen Körper spüren, den gleichmäßigen Rythmus genießen, wenn die Schuhe auf dem Asphalt abrollen, den Wechsel der Jahreszeiten erleben, Wind und Wetter auf der Haut zu spüren . . . und trotzdem . . . ab und zu brauche ich mehr. Mein altes Ego muß gefüttert werden, wenn man schon niemanden mehr etwas beweisen muß . . . . dann sich selbst. Die Bereitschaft sich zu quälen mal wieder ausreizen, den eigenen Dämon besiegen, Kerl sein . . . die Gelegenheit dafür bietet sich bei einem Volkslauf. Der B2Run Firmenlauf ist so eine Gelegenheit. 6km, eine Kurzstrecke . . . im Training eine Kleinigkeit . . . im Wettkampf . . . vom Start 100%, Taktik : Alles was geht, Schmerzen : Garantiert.
Betasystems, mein Arbeitgeber seit über 15 Jahren sponsert die Startgebühren und wer mitmacht bekommt ein Laufshirt mit Firmenlogo. In meinem Wäscheschrank liegt schon ein Stapel in unterschiedlichsten Farben. Die Farbe dieses Jahres : Fluoreszierendes Orange. Verlieren in den Menschenmassen? : Ausgeschlossen! Ich blicke in altbekannte Gesichter. Kollegen, Freunde die schon seit Jahren dabei sind und wenige Neue. Wir albern rum, keine Spur von Unruhe, stattdessen Vorfreude auf den Lauf, Brustgurte und Pulsuhren werden angelegt, Smartphones mit GPS Tracker in Armtaschen verstaut . . . jeder weiß was gleich kommen wird, wenn das Herz rast, die Lunge aus dem Brustkorb springen möchte und die Muskeln brennen . . .
200 Mitarbeiter hat Betasystems noch in Berlin, ein Unternehmen mit betont, jugendlichem und sportlichen Image. 14 Kollegen wollten laufen, nur 9 von Ihnen stehen nun hier, es sind immer Dieselben und ein paar Jahre sind auch schon zusammengekommen. Arne Basler, Thomas Osbahr, Detlef Sturm, meine Wenigkeit . . . wir sind oder waren es zumindest . . . Marathonläufer, Triathleten . . . Eric Bouchart, Walter Teichert, Regine Heller, Alexander Buder . . . Kollegen die einfach Freude am Laufen haben. Jetzt sind wir ein Team.
Vor dem Start, eine Fitnesstrainerin auf einer Bühne heizt den Läufern ein, StepAerobic, wenn ich da mitmache bin ich beim Startschuss platt. Ich komme zur Ruhe, schließe für ein paar Minuten die Augen, es weht ein frischer Wind, aber die Luft ist angenehm mild, wie an einem schönen Herbsttag. Es kann losgehen, mein Puls der sonst bei 70 Schlägen p. Minute ist, läuft schon auf 100. Normale Aufregung vor dem Start. Dann der Startschuß, vor uns nur vielleicht ein paar hundert Läufer, schon nach wenigen Sekunden traben wir an und bereits auf den ersten 400m zieht sich das Feld auseinander. Freie Bahn. Der erste KM geht schnell vorbei, die Körpertemperatur steigt, der Lauf wird geschmeidiger, das Tempo ist hoch, vielleicht etwas zu hoch . . . mal sehen wie lange das gut geht. Ich beschließe nicht auf die Pulsuhr zu schauen, ich spüre auch so was Sie mir anzeigen würde. KM 2 alles paletti, KM 3 die Hälfte der Strecke liegt schon hinter uns . . . gefühlter Energieverbrauch bereits bei 80% . . . egal, Tempo halten, das Atmen wird intensiver.
Unser bester Läufer Detlef ist außer Sicht, Alex hatte bislang gut mitgehalten, riss aber dann doch ab. Thomas und ich liegen jetz an 2.ter und 3.ter Stelle. Thomas Osbahr, ist ein guter Hase, in seinem vorigen Leben war er sicher Kenianer, er läuft locker vor mir her, seine Schritte sind leicht, 65kg gegen meine 88kg. Jedes Gramm Muskeln liegt jetzt wie Blei auf meinen Knochen. Wir sind ein erfahrenes Team und laufen Ideallinie, laufen flach, sparen Kräfte, der Rythmus stimmt, die Schrittweite passt . . . ich bin knapp 2 Schritte hinter Ihm . . . synchron . . . Kommentare der anderen Läufer, die wir überholen dringen an mein Ohr "Na die beiden verlieren sich nicht" . . . mit unseren Shirts beleuchten wir wohl die Straße. Thomas zieht mich, er könnte auch davonlaufen . . . aber wir bleiben zusammen, er dreht sich nach mir um, sammelt mich ein, treibt mich an . . . ein echter Freund. KM5 und 6 . . . die Muskeln brennen, jede Faser schreit nach Sauerstoff, will jetzt stehenbleiben aber "No way" darum geht es . . . jetzt kämpfen, nicht langsamer werden, die letzten Reserven aus sich rausholen. Endlich, das Stadion in Sicht, wir laufen in eine Unterführung, unter dem Marathontor hindurch, in das Stadion . . . ein wohl einmaliger Augenblick, die blaue Tartanbahn unter den Füßen, alles erstrahlt im hellen Flutlicht, diese Riesenschüssel in die 70.000 Menschen passen würden . . . Fantastisch. Nun, der Jubel von Menschenmassen kommt heute aus Lautsprechern, die paar 1000 Zuschauer verlieren sich ein wenig in den Rängen aber es bleibt ein berauschender Moment. Die Uhr stoppt bei 27:50 . . . ich bin zufrieden. Sogar über eine Minute schneller als bei meinem Testlauf vor einer Woche . . . wir strahlen uns an, gratulieren uns und fallen uns schweißüberströmt in Arme. Jetzt erst schaue ich auf meine Pulsuhr . . . Sie zeigt 100% . . . mehr ging nicht.
"Pain is temporary . . . Glory is forever"