2014, irgendein Tag im Juni .. Mein Fallschirm ist angelegt, ich bin angeschnallt, meine Instrumente sind justiert, der Luftraum vor mir ist frei und weiße Cumulus Wolken bedecken den azurblauen Himmel wie riesige Luftschlösser ... perfektes Flugwetter. Ich bin startbereit, es kann losgehen.Mein Vorflugcheck ist jetzt abgeschlossen, nur noch ein kurzer Blick auf den Windsack am Startbus, der mir heute ziemliche Seitenwind anzeigt, aber das ist kein Problem und ich schließe die Haube .. quasi im selben Augenblick beginnt innerhalb von Sekunden die Temperatur unter dieser Käseglocke erbarmungslos zu steigen. Mein Segelfliegerhut, der mich vor einem Sonnenstich bewahrt ist bereits klatschnass und meine Sonnenbrille beginnt zu beschlagen.

Von alleine kommt mein antriebsloser Vogel aber nicht in die Luft .. oft werden Schleppflugzeuge eingesetzt, bei uns am Platz übernimmt diesen Job aber eine Startwinde, das ist deutlich preiswerter und sorgt dafür, dass ich mir dieses Hobby überhaupt leisten kann.
Ein Clubkamerad klinkt jetzt erst das Windenseil in die Schleppkupplung, direkt unter meinen Füßen an mein Flugzeug ein und geht anschließend an das Ende meiner rechten Tragfläche. Mein Zeichen "Daumen hoch" signalisiert Ihm, dass ich abflugbereit bin.
Er schaut noch kurz nach hinten, um sich zu vergewissern, dass in diesem Augenblick nicht gerade ein Flugzeug landet, dann hebt er die Tragfläche an, die eben noch im Gras lag und gibt mein Signal an den Startleiter weiter, der auch sogleich zum Telefon greift, um mit dem Windenfahrer am anderen Ende der Leitung den Start einzuleiten. Alleine geht beim Segelfliegen nichts .. man würde nicht in die Luft kommen.
Ich schaue irgendwo an das Ende des Platzes, wo in ca. 1200m Entfernung die Startwinde stehen muss. Mit etwas Mühe kann ich Sie als kleinen bunten Punkt erkennen. Im Grunde ein alter umgebauter LKW mit einer großen Seilwinde auf der Ladefläche.Während ich schwitze, teilt der Startleiter dem Windenfahrer am Telefon mit, was er dort am Seil zu hängen hat und dass ich startklar bin ... der Ablauf ist genau festgelegt und jeder hält sich daran, denn Unfälle will hier keiner. Vorher festgelegte Startkomandos werden gewechselt und nach ein paar endlosen Sekunden, sehe ich in der Ferne ein kleines Rundumlicht aufblitzen, der Windenfahrer hat den Motor gestartet. Kurz danach beginnt sich wie von Geisterhand das dünne Stahlseil, welches eben noch in etlichen Schleifen vor mir lag, langsam zu bewegen, kurz darauf ist es straff, ein kurzer Ruck und meine LS4 rollt. Mein Wingman läuft ein, zwei Schritte mit, wir rumpeln noch ein paar Meter über die Grasnarbe, Die Beschleunigung drückt mich in die Gurte und nach 3-4sek sind 340kg in der Luft. Mein Fahrtmesser zeigt 110 km/h
Was jetzt folgt, hat man während der Ausbildung und im Laufe der Jahre unzählige Male trainiert .. immer und immer wieder wiederholt, bei den unterschiedlichsten Windbedingungen und Wetterlagen ... jeder Segelflieger muss diesen Startvorgang im Schlaf beherrschen. In kritischen Situationen muss man instinktiv handeln, zum nachdenken, bleibt in der jetzt folgenden Startphase keine Zeit.
Der große V8 Motor in der Startwinde läuft auf Hochtouren und beginnt das über 1km lange und nur ~5mm dünne Stahlseil kontinuierlich auf eine große Trommel aufzuspulen. Im Grunde läuft das so ähnlich ab, wie ein Kind, das mit einem Drachen über eine Wiese rennt ... meine LS-4 wird gezogen, beginnt folgsam in den Steigflug überzugehen und gewinnt schnell an Höhe .. alle Sinne sind hellwach, von dem lautlosen dahingleiten ist in diesem Augenblick auch noch nicht viel zu spüren und der Wind pfeift ordentlich, was mir aber nur Recht sein kann, da ich durch die Lüftung Frischluft unter meine Käseglocke bekomme und das Klima unter meiner Plexiglashaube sofort erträglich wird.
Ich achte darauf nicht zu früh in eine zu steile Steiglage zu kommen .. denn in dem Fall, dass das Seil reisst, was durchaus möglich ist und worauf man jede Sekunde vorbereitet sein muss, könnte eine schwierige Situation entstehen .. aber nachdem mir mein Höhenmesser so 80-100m anzeigt, ziehe ich gefühlvoll am Höhenruder, um besser zu steigen und so eine größere Ausklinkhöhe zu erreichen. Gleichzeitig schaue ich nach Links und Rechts, um meine Fluglage zu überprüfen und auch auf den Fahrtmesser, der eine festgelegte Geschwindigkeit nicht überschreiten bzw. auch nicht unterschreiten darf, tut er es doch bestünde einerseits die Gefahr eines Seilrisses oder werde ich zu langsam könnte durch die fehlende Luftströmung, das Segelflugzeug in eine unkontrollierbare Fluglage geraten ... in dieser geringen Höhe nutzt dann auch mein Fallschirm nichts.
Es hört sich viel an, auf was man achten muss und das ist es wohl auch aber dennoch ist diese Startart überall auf der Welt, seit Jahrzehnten bewährt und extrem sicher. Bei uns wird jedes Jahr mehrere tausendmal so gestartet und bis auf wenige folgenlose Seilrisse, hat es bislang keine Vorfälle gegeben.
Über Funk höre ich die Durchsage "nach Links vorhalten" .. heute haben wir ziemlichen Seitenwind, der mich nach Rechts versetzt hat und ich habe es zu spät bemerkt .. das könnte später beim einholen des Seils womöglich zu Komplikationen an der Winde führen, also korrigiere ich mit dem Seiten- und Querruder die Fluglage, um dem Wunsch des Flugleiters zu entsprechen. Mein Segelflugzeug folgt brav den Ruderausschlägen und alles ist wieder so wie es sein soll .. 200m, 250m, 300m .. das Steigen lässt nun allmählich nach und die Fluglage wird flacher. Während des gesamten Startvorgangs ist der größte Teil des Stahlseils aufgespult worden aber dennoch hat es heute für eine Höhe von 400m gereicht ... ich habe das Höhenruder nachgelassen, spüre deutlich das der Zug vom Windenseil nachlässt und ziehe an der Vorrichtung zum Seil ausklinken .. es rutscht aus der Kupplung und fällt, gebremst von einem kleinen Fallschirm zu Boden .. alles ist glatt gegangen. Ich bin frei.Mit einem Ruck am Fahrwerkshebel verschwindet mein Einziehfahrwerk im Radkasten, die Fahrwerksklappen schnappen zu und sofort wird es im Cockpit deutlich ruhiger, mein schlankes Segelflugzeug hat nun quasi keine Ecken und Kanten mehr, keine Spalten, praktisch nichts was Geräusche verursachen könnte, Die Oberfläche ist so glatt, dass der Blick darauf ausrutschen würde und bei Tempo 90 hört man kaum etwas, nur das leise rauschen des Windes. Meine LS-4 schmiegt sich in die Luftströmung und gleitet wie auf Watte getragen in einem Element was wir nicht anfassen können. Ab jetzt übernimmt die Schwerkraft, die mich zu Boden ziehen will ... aber ich werde versuchen Sie daran zu hindern. Etwas Glück gehört immer dazu und es ist beinahe wie ein Duell, welches am Ende zwar immer die Schwerkraft gewinnt, aber es hängt von mir, von meinem Geschick und natürlich vom Wetter ab, wie lange ich den Sieg der Schwerkraft hinauszögern kann. Ich muss Aufwinde finden, die mich mit nach oben nehmen. Aufwinde, die man dummerweise nicht sehen kann. Aber ich habe Hilfe dabei.

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