über viele Jahre ist das Laufen ein Teil von mir geworden. Ein Berg an sündhaft teuren und am Ende doch abgelaufenen Schuhen und etliche Lauftagebücher sind stumme Zeugen von zigtausend Kilometern, die in meinen Füßen stecken, Kilometer die ich auf Berlins Straßen lief. Trainingspläne waren meine ständigen Begleiter, denn Erfolg ist planbar, jede Woche, jeden Monat, Sommer wie Winter, 3,4 Trainingstage und bis zu 65km in der Woche, Volksläufe über alle Distanzen von 5km, 10km, Halbmarathon, 25km Läufe bis hin zum Marathon, das waren meine Herausforderungen, meine Ziele, meine Aufgaben. Mein einziger Gegner, unter abertausendenden von Läufern, das war nur ich selber. Es galt, mich selbst, meinen Schweinehund zu besiegen und am Ende besser zu sein, als ich es war. Man läuft immer gegen sich selbst . . . Vieles habe ich erreicht, habe mir oft etwas bewiesen und blicke nun zufrieden zurück. Viel entspannter bin ich heute und kann das Laufen anders genießen. Ich fühle mich ausgeglichener und laufe oft nur noch zum Vergnügen. Keine Pulsuhr begleitet mich mehr und schreibt die Herzfrequenz und das Tempo vor, ich versuche die Natur bewusst wahrzunehmen, Geräusche, Gerüche . . das Licht, den Wind . . einfach Alles . . . aber dennoch schlägt in meiner Brust immer noch das Herz eines Kämpfers, insgeheim Ausschau haltend nach einer Herausforderung . . . und es gibt Sie . . . in diesem Jahr ist es der alljährliche Vattenfall CityNight Lauf über den Berliner Kurfürstendamm. Distanz 10km. Das ist für einen Ausdauersportler eine kurze Distanz, beinahe eine Sprintdistanz. Taktik gibt es hier eigentlich nicht . . . man läuft los und teilt sich nichts ein . . . Alles was geht . . . und so stehe ich am Samstag den 01. August an der Gedächtniskirche, mitten in einem Pulk von über 7000 Menschen. Es ist heiß, eigentlich zu heiß, aber so ist das bei einem Volkslauf, es gibt keine Ausreden . . . egal ob es regnet oder die Sonne brennt, für diesen Tag hat man trainiert. Ich denke an die vergangenen Monate, in denen ich zusätzlich zu meinem Training im Sportstudio, langsam die Trainingskilometer von Woche zu Woche erhöht und immer ein wenig mehr von mir verlangt habe. Ich habe bewusst gelernt wieder nur nach Körpergefühl zu trainieren, die Bereitschaft trainiert sich zu fordern . . . darauf kommt es an. Bis zum Startschuss sind es noch 20 min. wir stehen dicht gedrängt, wie die Pinguine in der Arktis, vor mir Menschenmassen, hinter mir Menschenmassen, jemand hustet . . . der ideale Platz, um eine Schweinegrippe Pandemie erst so richtig in Schwung zu bringen, denke ich. Neben mir steht Alphonse, ein Freund aus meinem Sportstudio, über 1,90m und bestimmt 95kg schwer. Ein Bilderbuchathlet aber er wird seine Kilos über die Strecke wuchten müssen . . . wir lachen uns an und freuen uns auf die bevorstehenden Qualen. Es steht fest, dass wir nicht hier sind um die Letzten zu werden. "Es wird weh tun" sage ich zu Ihm und lache Ihn an, er lacht zurück und sagt, ". . . ist ja kein Kindergeburtstag hier" Auch er hat Freude daran sich anzustrengen. Noch ein kurzes Telefonat mit meiner Freundin, Sie ist verreist und wird mich nicht an der Strecke anfeuern können, aber natürlich drückt Sie mir die Daumen. Das wird hier heute ein Solo. Endlich ist es soweit, es ist ein NightRun und um 20:30 fällt der Startschuss aber nichts bewegt sich, wir stehen dummerweise viel zu weit hinten und es vergehen beinahe 5min. bis auch wir uns in Bewegung setzen. Schnell wird klar, dass man in diesem Pulk keine gute Zeit wird laufen können. Eigentlich . . . . ich komme mir vor, wie ein Karnickel vor auf das geschossen wird. Ich bekomme Ellbogen in die Hüften, Menschen treten mir in die Hacken, ich drängele mich durch, weiche nach Links und rechts aus, werde geschubst und schubse andere, ich lande eingeklemmt zwischen den Massen und wühle mich wieder frei, weiche aus auf den Bürgersteig und wieder zurück auf die Straße. Der erste Kilometer ist der blanke Horror und zahllose Flüche werden mir hinterhergerufen. "Herrschaften, ich bin hier um zu gewinnen !" denke ich und reagiere nicht. Langsam werden die Lücken größer und erlauben mir nach und nach ein gleichmäßiges Laufen. Die Strecke ist topfeben, keine Steigung aber auch kein Gefälle und leider auch kein Wind. Keine echte Kühlung und die Hitze wird zu einem weiteren bösartigen Gegner. Die ersten 3-4km fühlen sich gut an und mein Tempo auch. Dann beginnen aber die Ausweichmanöver und die Hitze Ihren Tribut zu fordern. Die Kehle ist trocken wie die Wüste Gobi, die Beine werden schwerer, das Herz rast, ich spüre meinen Puls am Hals und versuche bei jedem Atemzug soviel Sauerstoff wie möglich in meine Lungen zu pumpen . . aber es scheint den Muskeln einfach nicht zu reichen. Vor meinem geistigen Auge flimmert das Bild eines römischen Streitwagens. Der muskulöse, braungebrannte Wagenlenker in glänzend, polierter Rüstung repräsentiert meinen Willen und er peitscht auf die schnaubenden Rösser ein, die meine Muskeln darstellen. Ein surealer Gedanke. Ich weiß sehr genau was gerade in meinem Körper, in meinen Musken passiert. Laufe ich zu schnell, überschreite ich zu lange die anaerobe Schwelle, gelangt zu wenig Sauerstoff in meine Muskeln, die wir irre versuchen Leistung zu erzeugen und es wird zuviel Laktat (ein Stoffwechselprodukt) gebildet, welches verhindert, dass die Muskeln sich zusammenziehen können, die Konsequenz ist, ich werde zwangsläufig stehen bleiben. Ich darf nicht zu schnell laufen, sonst kann es sein, dass ich womöglich ein paar hundert Meter vor dem Ziel umfalle . . . aber zur Zeit besteht die Gefahr nicht . . . ich kann schon jetzt nicht mehr. Kilometer 7, kurz vor der letzten Wende, ich will wenigstens in die Nähe meiner Bestzeit kommen, eine Zeit zwischen 47 und 48 min. aber es kommt mir vor als würde ich langsamer werden. 2km vor dem Ziel werde ich jetzt nicht spazieren gehen, jetzt nicht . . . und es beginnt der wahre Kampf. Ich versuche locker zu bleiben, locker zu laufen, die Arme leicht angewinkelt mitschwingen, die Schultern nicht verkrampfen, gleichmäßig traben, den Blick vor mir auf den Asphalt genagelt. Jede Faser in meinem Körper lechzt nach Sauerstoff, schreit mich innerlich an "bleib doch stehen" und hat schon längst die rote Fahne gehisst . . . die Dämmerung hat schon längst eingesetzt als ich endlich den Zieleinlauf erblicken kann. Nur noch ein paar hundert Meter . . . es ist geschafft . . . aber was ist das? Die Zielzeit liegt bei weit über 49min. . . . für einen Augenblick große Enttäuschung, waren die Monate der Vorbereitung und die Qual doch umsonst . . . aber es klärt sich auf . . . das war nur die Bruttozeit. Meine Zielzeit über 10km waren 45min:47sek. Halleluja . . . ich war weit schneller als gedacht, war ca. 4min:20sek. pro Kilometer schnell und habe meine Bestzeit, für die ich einmal sehr viel mehr trainiert hatte, nur um 29 sek. verfehlt. Was sind schon 29sek.? . . . 29sek. das ist die Zeit, die ich beim Freikämpfen auf dem ersten Kilometer habe liegenlassen . . . Und ich dachte, ich wäre langsam. Was zählt da eine Plazierung? Von gut 7000 Läufern bin ich 958.igster geworden und in meiner Alterklasse M45 von knapp 600 Läufern habe ich den 143.igsten Platz belegt. Sicher nicht schlecht, aber auch nichts womit man jetzt angeben könnte. Aber eine Zeit ist nicht wirklich das was zählt . . . wichtig ist Eines. Warum laufe ich 10.000m? . . . weil ich es kann!
Wer sich tatsächlich nun für den detaillierten Rennverlauf interessiert, kann sich die Zeiten pro Kilometer und den Streckenverlauf auf http://www.buddyrunner.com/lars.baeter anschauen. Diese Daten werden von meinem Handy via GPS aufgezeichnet und dann auf diese Webseite übertragen.
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