Es ist ein frostig kalter Februarmorgen und leichter Nebel macht sich in den Straßen breit. Er verwandelt das noch schwache Tageslicht in einen grauen Schleier, der alles mit Reif überdeckt und farblos erscheinen lässt. Auch wenn ich nach oben schaue, deutet nichts daraufhin, dass irgendwo über der grauen Pferdedecke, die den gesamten Himmel bedeckt, die Sonne scheint ... Ich laufe Gedankenversunken die letzten Meter von der U-Bahn Station zum Büro und denke an diesen Blog. "Ob Ihn wohl jemand lesen wird, ob es jemanden interessiert was ich mache oder denke?" frage ich mich und stelle gleichzeitig fest, dass es ansich unbedeutend ist .. mein Leben ist Eines von 7 Milliarden Menschen auf der Welt, im Grunde nichts Besonderes. Aber für mich, ist es eben Besonders, weil es ja mein Leben ist und selbst wenn diese Zeilen in abermillionen Zeilen, die jeden Tag geschrieben werden einfach untergehen und das werden Sie wohl .. für mich ist es Therapie.
Mitunter fällt doch jeden mal auf, wie selbstverständlich für uns so viele Dinge geworden sind, Dinge, die wir jeden Tag benutzen ohne daran zu denken, wie Sie funktionieren oder wo Sie herkommen. Wär ja auch irre, wenn man jeden Tag auf die Knie fallen würde, nur weil der Bus kommt oder das Handy das tut, was es soll .. aber manchmal sind es wirklich die einfachsten Dinge, die so besonders sind.
... Spätsommer 1992. Meine Ex-Frau war mit unserem Sohn schwanger und die Firma für die ich damals arbeitete war gerade in Konkurs gegangen. Nicht gerade der beste Moment, um aus unserer 1-Zimmer Wohnung in eine 3-Zimmer Wohnung umzuziehen, aber es ergab sich eine günstige Gelegenheit für einen Wohnungstausch und den nutzten wir.
Es war eine Altbau Hinterhof Wohnung im Parterre. Die Wände, des sehr kleinen Innen- hofes, bei dem selbst im Sommer nur wenig Sonnen- licht direkt den Boden erreichte, waren bis unter die Dachrinne mit Wein bewachsen, was vom Frühling bis weit in den Herbst wunderschön aussah. Das dichte Blätterkleid des wilden Weins, in dem sich an wenigen Wochen im Frühling, tausende von Bienen, summend an winzigen Blüten labten, hatte etwas von einem Märchenschloss.
Unsere Wohnung, war eine Garten-hauswohnung und hatte Ihren Eingang direkt vom Innenhof. Allerdings lag Sie auch auf der Nordseite und direktes Sonnen- licht erreichte uns nie. Es war also schon recht schattig und auch etwas fußkalt, denn unter unter lag ja nur ein muffig, feuchter Keller, der natürlich nicht beheizt wurde. Aber es war eben das, was ich mir leisten konnte, es sollte unser Zuhause werden und mit hochgekrempelten Ärmeln und viel Liebe verwandelte ich nach und nach, die doch sehr herunter- gekommende Bruchbude in ein hübsches Zuhause. So gut es eben ging, denn Zeit hatte ich vorübergehend genug.
Der Schnitt war leider etwas ungünstig, denn das Wohnzimmer war ein Durchgangszimmer und anstatt der versprochenen 80qm blieben nach dem Ausräumen und sorgfältigem ausmessen nur 63qm übrig was nicht wirklich viel war. Als wir die Wohnung besichtigt hatten, wohnte ein sehr alter Mann darin, Herr John, der damals bereits 83 Jahre alt war. Er war der ehemalige Inhaber einer kleinen Drogerie bei uns in der Straße und hatte die Wohnung, in der er sein ganzes Leben verbracht hatte, mit dem Nachlass seines Ladens vollgestellt, so dass wir die Größe der Wohnung bei der Besichtigung nur ahnen konnten. Zurück konnten wir nicht mehr und da wir nun mal da waren, blieben wird auch, denn die Gegend in Wilmersdorf, Nahe dem Ludwigkirchplatz war einfach schön und eine Alternative gab es ohnehin nicht.
Es war ein einziges Chaos. Wieviel Arbeit es machen würde, hatte ich nicht vorher sehen können, da ich aber ein recht geschickter Handwerker war und die Erlaubnis der Hausverwaltung hatte begann ich Alles rauszureissen und es blieb kaum ein Stein auf dem Anderen. So wie im zukünftigen Bad sah es quasi in der ganzen Wohnung aus und an ein Einziehen war nicht zu denken. Die ersten 2 Monate schliefen wir bei Freunden auf einer Luftmatratze.
Ich verlegte Elektrik neu, riss unnötige Wände ein, um mehr Platz zu schaffen, baute die Küche und das Bad komplett neu, denn schließlich wollten wir irgendwann zu 4 sein. Ich hängte Decken ab, mauerte Türen zu und setzte Neue ein und mit der Erlaubnis eines Statikers und erheblichem Aufwand baute ich sogar ein zusätzliches Fenster mit Ausblick zu einem weiteren Hinterhof ein, um ein wenig mehr Licht in die Wohnung zu bekommen. Am Ende schliff ich das Parkett ab.
Leider waren die 2 verbleibenden Zimmer nicht sehr groß und mit 8-9qm kaum größer als eine geräumige Kammer, aber Sie mussten als Kinderzimmer reichen. Da ich mir damals, während meiner eigenen Kindheit mit meinen 2 Geschwistern ein Zimmer teilen musste, wollte ich das meinen Kindern nicht zumuten. Sie sollten zumindest Ihr eigenes Reich bekommen, selbst wenn es klein war und da ließ ich auch nicht mit mir verhandeln, auch wenn meine Ex-Frau ein Schlafzimmer wollte.
Im Laufe der Jahre wurde es aber dann doch immer enger, unsere Lisa war nun auch schon auf der Welt und Ehekrisen begannen sich zu häufen. Für ein Schlafsofa war das Durchgangszimmer überhaupt nicht geeignet, weil es ohnehin schon als Esszimmer, Arbeitszimmer, Fernsehzimmer und Besucherzimmer genutzt wurde und nachdem ich in den Kinderzimmern Hochbetten eingebaut hatte, um Platz zu schaffen, entwickelte sich eine ungewöhnliche Situation. Meine Tochter hatte ein hübsches Bett und meine Frau und ich hatten vor auf dem Hochbett zu schlafen. Aber daraus wurde nichts. Es war unmöglich von dort etwas Tageslicht zu sehen oder überhaupt ein Blick aus dem Fenster zu werfen und so kam ich mir vor als würde ich in einem Sarg liegen, die häufigen ehelichen Differenzen taten dann Ihr übriges. Meiner Tochter gefiel im übrigen diese riesige Spielwiese großartig und oft versank Sie dort quietschend vor Vergnügen unter unzähligen Stofftieren auf Ihrem Hochbett.
So kam es dann, dass ich irgendwann jeden Abend direkt unter dem Fensterbrett im Zimmer meines Sohnes ein paar Spielsachen beiseite schob, leise eine Matratze hinlegte und auf dem Fußboden schlief. Wenn ich aufwachte konnte ich zumindest ein wenig aus dem Fenster schauen und ein Stück vom Himmel sehen. Mein Junge schlief auf seinem Hochbett und ich schlief auf dem Boden und so sollte es die restlichen Jahre bis zu meiner Trennung bleiben. Nach 17 Jahren Ehe war Feierabend.
Bevor ich mit meinen Habseligkeiten verschwand, renovierte ich für meine Kinder und die Noch-Ehefrau das Wohnzimmer und die Kinderzimmer. Neue Sofas, Couchtisch und Esstisch, Stühle, Schränke, Vorhänge. Wenn denn schon Ihr Papa nicht mehr zu Hause war, so sollten Sie es wenigstens schön haben. Alles wurde neu und das letztes Ersparte ging für eine überfällige Renovierung drauf und weil das alleine nicht reichte strapazierte ich noch meine IKEA Kundenkarte. Rückblickend betrachtet, habe ich es für meine Kinder getan, vielleicht wollte ich aber auch mein Gewissen beruhigen .. nur mir selber hatte ich damit keinen Gefallen getan denn ich musste nun von Null anfangen.
Als ich schließlich auszog hatte ich nicht viel was ich mitnehmen konnte. Außer meinen persönlichen Dingen hatte ich eben meine Matratze und einen Kleiderschrank, den meine Tochter nicht mehr brauchte. Das war es und für den Umzug reichte ein geliehener Kombi.
In meiner eigenen Wohnung, was auch gleichzeitig meine erste eigene Wohnung überhaupt war, hatte ich nur die nötigsten Dinge und Vieles war gebraucht. Manches aus der Zeitung, aus Wohnungauflösungen, so wie der Kühlschrank und die Waschmaschine und ein paar einfache Regale von IKEA, viele Umzugskartons, mit meinen Habseligkeiten .. naja und eben meine Matratze.
Irgendwann lernte ich Ursula kennen und ich merkte schnell, dass Liebe wohl doch nicht alle Hindernisse so einfach überwindet. Der Zustand meiner Wohnung grauste Ihr aber ich war leider nicht in der Lage es hübscher zu machen. Ich versuchte was eben möglich war, aber eine Matratze auf dem Fußboden und ein Sessel den man aufklappen konnte, mehr hatte ich nicht zu bieten. Ich schämte mich aber was hätte ich tun sollen? Sie selber hatte eine schöne, kleine 2.Zimmer Wohnung im reichen Süden Berlins, gelegen am Stadtrand in Lichterfelde. Nach Ihrer Ansicht leider zu klein für 2 und ohne Auto auch ohnehin ganz schlecht zu erreichen. Es lief von Anfang an nicht ganz reibungslos zwischen uns und das Thema 'zusammenziehen' sollte nicht so richtig aufkommen und so pendelte Sie mal zu mir oder ich zu Ihr. Ich gab mir halt so große Mühe wie ich konnte, um es Ihr dennoch irgendwie heimelig zu machen, damit Sie länger bleiben würde, aber es hat eben alles seine Grenzen.
Eines Tages, um genau zu sein war es wieder einer dieser besagten Geburtstage, an denen ich ziemlich deprimiert und niedergeschlagen von der Arbeit nach Hause kam, da stand Sie mitten in meinem Wohnzimmer .. umgeben von Kisten, etlichen Holzteilen und ein paar fremde Menschen schleppten noch weitere Dinge in die Wohnung ... Sie hatte ein Bett gekauft.
Als Sie mich sah brach sie in Tränen aus, denn eigentlich sollte es schon zusammengebaut sein, aber wie es immer so ist, war etwas schiefgegangen und nun kullerten dicke Tränen über Ihre Wangen. Ich war völlig sprachlos und wusste nicht was ich denken oder sagen sollte. Ich weiß noch, wie ich sie einfach in den Arm nahm, drückte und küsste und Ihr versicherte, dass Sie das schönste Geschenk auf der Welt war und es für mich eine Kleinigkeit war, so ein Bett selber zusammenzuschrauben. Schluchzend sagte Sie, dass Sie mir das aber doch abnehmen wollte und ich lachte nur und gab Ihr zu verstehen, dass ein "Bastel-Wastel" wie ich doch Freude daran hat etwas zusammenzuschrauben.
Sie war überall im Freundeskreis, bei Ihren Eltern und bei unseren Kindern sammeln gegangen, um dieses Bett, neue Matratzen und die Lattenroste kaufen zu können. Sie hatte gespart und alle hatten zusammengelegt und nach ein paar Stunden Schrauberei war das Werk vollendet. Ich kann Euch nicht wirklich beschreiben, was das für mich als erwachsener Mann für ein Glücksgefühl war, zum ersten Mal nach so vielen Jahren auf einer richtigen Bettkante zu sitzen, und sich dann auf die weiche Matratze fallen zu lassen.
Ich hatte gut 10 Jahre lang auf dem Fußboden geschlafen und nun mit 46 hatte ich jetzt endlich wieder ein eigenes Bett. Wenn ich nun am Morgen aufwachen würde, konnte ich mich aufsetzen, mir den Schlaf aus den Augen reiben, vielleicht einen Augenblick sitzen bleiben und dann ohne Verrenkungen aufstehen. Ich kann mir kaum vorstellen, dass viele Menschen nachvollziehen können, wieviel mir das bedeutet hat und auch heute noch bedeutet. Ich kann mir vorstellen, dass Andere das albern oder gar lächerlich finden, ich bin aber dankbar und glücklich über dieses Geschenk. Gleich nach einer schönen Küche, ist ein warmes eigenes Bett wohl der schönste Ort in einer Wohnung.